Schroffe Karrenwege, endlose Trails, staubige Savannenpisten durch tierreiche Regionen und kantige Berge mit schneebedeckten Gipfeln über 5.000 Meter...
Das hört sich fantastisch für die vier Rosenheimer Bikeabenteuerer an. Nur wo soll das sein?
Uganda – ein weiteres Land am afrikanischen Grabenbruch. Ein für Biker wohl niemals entdecktes Areal, welches schier endlose Gänsehauttrails durch ein Land mit vielen Facetten und unbeschreiblich gastfreundlichen Menschen zu bieten hat.
Es ist später Nachmittag als wir in Entebbe am internationalen Flughafen Nähe Kampala landen. Das Wasser des riesigen Victoriasees glitzert silbern. Die Luft ist warm und dennoch weht eine leichte Brise, welche die Haut angenehm kühlt. Uganda, viele Stunden Vorbereitung stecken in unserem GPS-Gerät, jede Menge Training in unseren Beinen.
„Jungs, willkommen in Afrika – wir sind zurück auf dem schwarzen Kontinent“ sagt Puria, der Gründer dieser schroffen Bikegemeinschaft, welche es sich zum Ziel gemacht hat, die mit dem Bike die unentdeckten Bergregionen dieser Welt zu erobern. Pauschaltourismus ist in dieser Gruppe eine Art Schimpfwort, Aufgeben gehört ebenso nicht ins Wortrepertoire.
In den nächsten zwei Wochen erwarten uns ca. 1.000 Kilometer und 11.000 Höhenmeter in dem Land das Winston Churchill „die Perle Afrikas“ nannte. Was uns sonst noch in diesem vergessenen Teil der Welt erwartet, wissen wir nicht, aber durch die vielen gemeinsamen Bikereisen in Afrika und Asien kann die Gruppe eine gewisse „Expeditionsroutine“ vorweisen.
Am nächsten Tag ging es dann nach einem Transfer mit den Fullies auf dem Dach des vor Ort organisierten Toyota Landcruiser zum Ausgangspunkt unserer Biketour. Der klangvolle Name "Kanoni" stand als erstes Etappenziel auf dem GPS-Gerät.
93 Kilometer und 1234 Höhenmeter sollten es bis dahin werden. Über wellig kupiertes Gelände radeln wir über teils schmale teils schmale, teils breite Pisten Richtung Süden. Die Sonne brennt in der Savannenlandschaft gnadenlos auf uns herab und die Topografie dieser Etappe gleicht einer gleichmäßigen Wellenlinie, welche sich durch unterschiedlichste Landstriche, vorbei an kleinen Strohhüttendörfern, begeisterten und überraschten Einheimischen Richtung erstem geeignetem Zeltplatz schlängelt.
Das ist die Mystik Afrikas! Wir haben sie bereits 2007 im äthiopischen Hochland erfahren dürfen. Sofort hat uns dieses Gefühl wieder ergriffen. Wir schinden an diesem Tag unsere Körper durch diese bilderbuchartige Landschaft. Der erste Tag soll für Klarheit über die Form in der Gruppe schaffen. Die letzte gemeinsame Ausfahrt liegt schon länger zurück. Wer heute wegplatzt, wird wohl die restlichen zwei Wochen leiden!
Das Revier wurde abgesteckt, das männliche testosteronüberladene Angriffsverhalten auf dem Bike wurde traditionell am ersten Teilstück voll ausgelebt und auch an diesem Tag gab es Opfer und Täter.
In den ersten sechs Tagen wurden knapp 600 Kilometer und ca. 8.000 Höhenmeter weggebügelt. Der GPS-Track stimmt und hat uns alleine hier ca. 250 Kilometer fast immer fahrbare Trails beschert. Wir waren begeistert – Uganda – das Land der unzähligen Karrenwege lässt uns Richtung Süden cruisen und all die Probleme und Sorgen des Alltags vergessen.
Es kommt der erste Nationalpark und somit das erste große Fragezeichen. Laut Informationen im Vorfeld ist es nicht erlaubt in den tierreichen Parks des Landes mit dem Mountainbike zu fahren.
„Lasst es uns versuchen“ schallt es von Peter aus der Gruppe. Wer abreißen lässt gehört den Löwen schreit Heino voller Euphorie! Ein unglaubliches Gefühl überkommt uns, als wir mit den Bikes einen Trail nur wenige hundert Meter neben Zebras oder einer Büffelherde bergab fahren. Es interessiert keinen Menschen, ob wir mit unseren futuristisch anmutenden Fullies durch diese Region heizen.
Richtung Süden wird die Landschaft Tritt für Tritt grüner. Wir fahren durch riesige Bananenplantagen, und nutzen die schmalen Wege der Arbeiter um uns weiter den ersten Viertausendern der Virunga Vulkanberge und den großen Seen an der Grenze zu Ruanda zu nähern. Unsere Beine sind dunkelbraun vom Dreck und der Sonne. Unsere Gesichter ausgezehrt von den Strapazen der letzen Tage.Die mit Nebel verhangenen Vulkanberge, in denen einst Dian Fossey für das Leben der riesigen Berggorillas gekämpft hat, bilden das erste große Ziel unserer Tour. Die Gipfel der dicht mit Bergregenwald bewachsenen Kegel ragen weit über 4.000 Meter über uns.
Zugleich weiß jeder, dass nun der erste Ruhetag auf dem Programm steht. Jede Menge Bier, tolle Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung und natürlich viel Schlaf charakterisieren diesen Tag.
Gut ausgeruht ging es westwärts durch den bergigen Urwald. Die Wellen wurden schroffer, die Anstiege länger und wir walzen auf unserer Königsetappe knapp 1800 Höhenmeter mit 126 Kilometer nieder. Die Trails werden immer anspruchsvoller und teilweise sind wir gezwungen unsere Bikes trotz gewaltigen Federwegs einige Meter zu tragen... Eine Schande!!! schreit Heino unser „Abfahrwunder“... Aber verletzen darf sich diesmal keiner. Peter hatte sich bei einer anderen Afrikareise vor einigen Jahren beide Unterarme offen durchgebrochen. War zwar rückblickend ein echtes Abenteuer, aber beim nächsten Mal geht’s dann vielleicht nicht gut - also „Absteigen!“ ruft Puria.
Nach den Waldtrails hatten wir zwei Etappen durch den Queen Elizabeth nat. Park. Die Tierwelt war noch vielfältiger, unser Umgang mit den Herden der Savanne war reinste Routine. Es war das ultimative Abenteuer für erwachsene Jungs. Nicht großartig gefährlich, aber es ist durchaus spektakulär auf Augenhöhe einer Elefantenherde zu radeln.Die Dörfer wurden immer ursprünglicher, die Landschaft veränderte ihr Bild fast stündlich. Wir haben viel von der Reise und von diesem Land erwartet, aber dass Uganda eine solche Vielfalt für den Fully-Biker zu bieten hat, hätten wir uns niemals erträumen lassen.
Insgesamt können wir ca. 400 Kilometer der gesamten 1000 Kilometer als Pfad, Karrenweg, oder schlicht weg als Trail bezeichnen. Eine Transalp hat schon jeder unserer Gruppe gemacht. Von den großen Pisten Asiens und Afrikas kennen wir tausende von Kilometer, aber diese Masse an fahrbaren und streckentechnisch auch noch sinnvollen Trails ist der Gipfel der Mountainbikehimmels. Es ist wie in einem überdimensionalen Kino. Wir düsen mit unseren Bikes die Berge hinab und Bügeln mit unseren satten Federwegen so ziemlich jedes Hindernis nieder. Wir hinterlassen lediglich eine kleine Staubwolke, welche in den Nachmittagsstunden bei tief liegender Sonne ein Gefühl wie in einer Marlboro Werbung hervorruft.
Das ist das Abenteuer, dass wir ständig suchen und nachdem wir uns jetzt schon wieder sehnen. In unserem Alltag arbeiten wir als Unternehmensberater, Sales Manager, Einkaufsleiter - einen Piloten haben wir auch in der Gruppe. Wir kommen viel in der Welt herum, dennoch ist es etwas anderes in der Hotellobby begleitet von Klavierklängen in den Metropolen der Welt zu sitzen oder am Lagerfeuer mit Einheimischen bei pechschwarzen Kaffee und Rauchgeruch in der Luft über das Leben und dessen Sinn zu philosophieren. Diese Reisen „erden“ uns immer wieder und zeigen uns, dass die Welt mehr zu bieten hat.
Eines Abends haben wir ein Gespräch mit einem Einheimischen, der uns die die Region der nächsten Tagesetappe erklärt. Es geht angeblich durch ein Gebiet in dem sich Löwen aufhalten. Er lächelt, nimmt einen großen Schluck Kaffee und sagt: “Tadle Gott nicht, dass er den Löwen erschaffen hat. Aber danke Gott, dass er ihm keine Flügel gab.” Die Nächte bei knisterndem Lagerfeuer und unter glitzernden Sternenhimmel ließen das gute Wetter für den nächsten Tag bereits vermuten. Es geht weiter Richtung Nordwesten, nah an die Grenze zu Kongo. Um uns herum ist das typische afrikanische Treiben. Die Menschen arbeiten in ihren Bananenfeldern, errichten oder reparieren ihre Stroh- oder Lehmhütten oder sitzen einfach den ganzen sonnigen Tag herum, betrachten das Treiben und schrecken auf wenn sie die bunt gekleideten, mit Sonnenbrille und Helm ausgestattete Team am Horizont entdecken.
Wir erreichen unser nächstes großes Ziel. Am großen Lake Edward See verbirgt sich meist in Wolken verhangen die Königin Ugandas: Die Ruwenzori Mountains - etwa 40 km nördlich des Äquators inmitten des äußerst langgestreckten Ostafrikanischen Grabenbruchs im Western Rift, dem westlichen Ast des Grabenbruchs, zwischen dem Albertsee im Norden und dem Eduardsee im Süden. Etwas weiter westlich schließt sich jenseits des Grabens bzw. hinter den dortigen Gebirgen das Kongobecken an. Im Osten fällt das Gelände zum Georgsee bzw. Eduardsee und Hochland von Uganda ab, auf dem der Viktoriasee liegt, bevor weiter östlich die andere Seite des Riftgrabens erreicht wird. Der hohe Zentralteil des Ruwenzori-Gebirges, liegt hauptsächlich in Uganda; der höchste Ruwenzori-Gipfel, der Margherita Peak (5.109 m), liegt genau auf der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo.
Insgesamt bietet diese 120 Kilometer lange und 40 Kilometer breite Gebirge 15 Gipfel über 4.000 Meter und drei schneebedeckte Gipfel über 5.000 Meter. Gegen dieses gewaltige Bergmassiv wirken die weitaus bekannteren afrikanischen Berge Mount Kenia oder Kilimandscharo wie kleine Brüder.
Die Reise in diese in diese Region bleibt wohl immer als eine der schimmernsten Erinnerungen in unserem Outdoorleben.
Letztendlich sind wir nach Abschluss der Ruwenzoris am Ende mit unserer Bikereisen und können auf verdammt anstrengende Tage in einer der beeindruckendsten Landschaften dieser Welt zurückblicken.
Wieder hat uns die Reise körperlich und geistig ein Stück weiter gebracht und die Mystik Afrikas ist noch bei der Ankunft am Flughafen München in uns am Wirken!
