Äthiopien? Kann man dort denn Mountainbiken? Ist es dort nicht gefährlich? Dort gibt es durch nur Wüste und Menschen die nichts zu Essen haben...“ Das waren meist die Antworten von Freunden und Bekannten als wir unser neues Reiseziel bekannt gaben. Warum Äthiopien? Das Land ist die Wiege der Menschheit und bietet eine außergewöhnliche Kulturlandschaft. Äthiopien ist das Dach Afrikas. Dieses Land zeigt Afrika in seiner ursprünglichen und reinsten Form. Äthiopien, das wird sich später noch zeigen, wird sich mit seiner unglaublichen Naturvielfalt, seinen freundlichen und hilfsbereiten Bewohnern noch tief in unser Bewusstsein einbetten.

Die Idee war also geboren. Nun galt es, alles im Vorfeld bestmöglichst zu organisieren. Wir hatten Glück und erhielten nach etwa vierzig versandter E-Mails an Veranstalter in Addis Abeba eine vielversprechende Antwort. Es gab einen Veranstalter, der im Bereich Trekking und Kulturreisen bereits Erfahrung hatte. Als Hauptziel haben wir uns die gigantischen Berge der Simien-Mountains vorgenommen. Jedoch wollten wir uns dieser Region vom Norden nähern. Das ist selbst für äthiopische Verhältnisse ungewöhnlich. Der Norden, an der Grenze zu Eritrea ist touristisch gesehen absolutes Niemandsland. Wir erhoffen uns ein echtes Abenteuer ! Trans-Äthiopien, beginnend vom Nordosten wollen wir an der Grenze zu Eritrea über die nordäthiopische Hochebene durch Hürden wie tiefe und schroffe Flusstäler, Anstiege mit bis zu 1000 Höhenmeter am Stück und der gnadenlos brennenden afrikanischen Sonne nach Westen durchstoßen. Dort sollte uns die Königsetappe mit einem gigantischen Anstieg auf die zauberhafte und faszinierende Bergwelt der Simien-Mountains bringen. Simien-Mountains... Übersetzt „die Berge des Nordens“. Als Reisezeit haben wir Mitte Oktober bis Anfang November gewählt.

Die Regenzeit ist vorbei und das Land soll sich von seiner besten Seite zeigen. Saftig, grüne Weiden, reißende Flüsse mit tosenden Wasserfällen, üppige Felder. Unser Partner in Addis Abeba folgt all unseren Anweisungen und stellt das Expeditionsteam zusammen. Wir entscheiden uns für einen Bus mit 4-Rad-Antieb. Es handelt sich um einen 23-Sitzer. Einige Sitze wurden entfernt und so war ausreichend Platz für unsere Räder, Zelte, Schlafsäcke, Gaskocher, Töpfe, Taschen, ausreichend Wasser und dem restlichen Team. Unsere Mannschaft sollte wie folgt starten. Einen erfahrenen Fahrer für die technisch anspruchsvolle Piste. Einen Guide als Koordinationszentrale für alle Belange, welche noch während der Tour auftauchen würden und natürlich einen Koch. Wer in Nordäthiopien eine Expedition ohne eigene, für europäische Mägen verträgliche Verpflegung reist, kann die Tour im Regelfall nach wenigen Tagen abbrechen. Die Vorfreude war unglaublich. Wir alle wollten dem Alltag, dem Büro, dem Stress entfliehen und etwas Besonderes erleben. Was uns dieses Land noch bieten würde wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.


Tag 1 Landung, es ist spätabends als wir in Addis aufsetzen - noch dunkel. Wir alle waren gespannt auf das Land und den Menschen denen wir begegnen würden. Die Vorbereitung dauerte Monate. Nun sind wir da... Das ist der Anfang unserer Tour durch den wilden Norden Äthiopiens. Unserer Fahrer holt uns am Flughafen ab. Es geht durch die niemals schlafende Großstadt Addis zu unserer ersten Unterkunft, einem Hotel im Zentrum. Die Nacht ist klar und trotz der 2.000 Meter Höhe angenehm.
Tag 2 Frühmorgens ging es wieder zum Flughafen. Eine Maschine der Ethiopien Airlines brachte uns nach Axum. Unserem Startpunkt für die Tour. Gelandet in Axum, haben wir erst mal unsere komplett zerlegten Räder zusammengebaut und eine erste Tour in die Stadt unternommen. Wir kamen uns vor wie auf einem fremden Planeten... das bevorstehende Abenteuer war jetzt deutlich zu spüren. Unsere Herzen schlugen wie so wild wie das uns dargestellte Treiben auf der Straße.

Tag 3 Es steht die erste Tagesetappe auf dem Plan. 110 Kilometer Piste durch eine gewaltige Hochebene, durchzogen mit Flusstälern. Die Sonne brennt bereits am morgen mit unglaublicher Wucht vom Himmel. Der Tag beginnt in Äthiopien mit dem Sonnenaufgang. Das Treiben auf den Straßen, den Märkten beginnt lautstark. Wir fahren durch Axum und verabschieden uns nun für einige hundert Kilometer von der Zivilisation. Bereits nach wenigen Metern ändert sich das Bild. Bauern arbeiten auf den Feldern und schauen uns ungläubig an. Niemals zuvor haben diese Menschen Radfahrer mit engen Radhosen und Helmen gesehen. Das Radfahren hat etwas meditatives. Der Wechsel von sanften Wellen, langen Geraden und heftigen Abfahrten und Anstiegen, verbunden mit der Mystik dieser Region bringt uns in einen Zustand der totalen Gedankenlosigkeit. Weit weg ist der Alltag. Hier gibt es nur Dich, die Strasse und Dein Ziel. Die Menschen am Straßenrand laufen uns winkend nach. Unglaublich freundlich sind die Begegnungen. Die meisten Bewohner sind äußerst interessiert und neugierig. Unser erstes Ziel ist das Dorf Inde Baguna. Dort schlagen wir unsere Zelte auf. Ein Hotel gibt es hier nicht mehr. Vor dem Schlafen zaubert unser Koch noch ein kohlenhydratreiches Essen auf den Tisch. Nach 110 Kilometer und einigen Höhenmetern verlangt unser Körper Ruhe und Regeneration.

Tag 4 Adi Arkai, so heißt das Bergdorf welches ca. 125 beschwerliche und bergige Kilometer entfernt das Ziel unserer heutigen Etappe in meinem GPS markiert. Nach einem genialen Frühstück unseres Kochs Solomon steigen wir auf den Sattel. Der Tag beginnt mit einem Downhill. Die Landschaft wird bergiger und am Horizont ist immer wieder das gewaltige Bergmassiv der Simien-Mountains welche sich weit über 4.000 Meter in den Himmel schrauben zu sehen. Nach ca. 90 Minuten Fahrzeit erreichen wir nach einen aufreibenden Downhill den tiefsten Punkt der kompletten Tour auf ca. 800 Meter. Ein reißender Fluss hat hier über Millionen von Jahren das größte Hindernis dieser Tagesetappe gegraben. Der anschließende Anstieg führt und bei absoluter Windstille und weit über 30° Cel. erneut auf 1.600 Meter. Mit unserem Fahrer haben wir vereinbart, dass er nach jedem Anstieg zwecks Versorgung auf uns warten soll. Alles funktioniert einwandfrei. Nach den noch endlosen Anstiegen wartet unser Team mit Getränken, Obst und sonstiger Verpflegung. Diese Etappe verlangt uns bis zum Abend alles ab. Am Ende des Tages kommen wir mit dem Sonnenuntergang in Adi Arkai an. Das Dorf hat nach 30-Minutiger Suche eine Unterkunft zu bieten. Die Zimmer sind zum Schlafen geeignet. Luxus, ein sauberes Bad und Strom gibt es hier nicht mehr. Wir befinden uns in der absoluten äthiopischen Wildnis. Weitab der Zivilisation und stolz auf das geleistete schlafen wir nach einem hervorragenden Essen von Solomon ein.

Tag 5 Das heutige Ziel liegt auf über 3.000 Meter. Debark ist das letzte Dorf vor Eintritt in die surreale Landschaft des Simien-Mounains Nationalparks. Der Tag beginnt mit einem angenehmen Downhill in der frischen Morgenluft. Die Topografie der Stecke schmerzt schon beim bloßen Anblick. Zwei Täler mit ca. 600 Höhenmeter, dann eine kurze Pause und anschließend ca. 1.800 Höhenmeter ohne Unterbrechung bis nach Debark. Das Landschaftsbild wird immer fulminanter. Affen rennen über die Straße, Wasserfälle stürzen sich den dicht bewachsenen Hängen runter. Wir kommen nicht mehr aus dem Staunen. Wir haben viel erwartet aber bei dem Anblick stockt uns der Atem. Die Schönheit der Natur lässt uns euphorisch in die Pedale treten. Wir unterhalten uns seit Stunden nur noch in Superlativen. In Debark angekommen erwartet uns ein Stück äthiopische Zivilisation. Endlich fließendes Wasser und ein bequemes Bett. Abends wird es nun auf über 3.000 Meter schon empfindlich kalt. Die Temperaturen sinken unter dem Gefrierpunkt. Beim Einschlafen gehen uns noch mal die fantastischen Bilder des Tages durch den Kopf. Zufrieden und von den Strapazen ausgelaugt schlafen wir ein.

Tag 6 Wir sind gespannt wie die kleinen Kinder an heilig Abend. Heute geht es in das Zentralmassiv der Simien-Mountains. Unser Ziel ist Sankaber, ein Camp auf ca. 3.600 Meter Höhe. Bei losfahren bemerken wir schon, dass heute alles anstrengender ist wie in den letzten Tagen. Was dann kommt ist einfach unbeschreiblich. Das muss man einfach gesehen haben. Wir sind auf dem Dach Afrikas. Die Landschaft ist atemberaubend und die dünne Luft schon wieder vergessen. Nun hat die Trans-Äthiopien den Status einer Tour der absoluten Superlative erreicht. Mehr Schönheit, besseres Bikewetter, und bessere Stimmung geht nicht. Wir sind im Olymp und die nun immer ursprünglicheren Dörfer und Menschen runden das perfekte Bild einer einzigartigen Erfahrung ab. Das Sankaber-Camp liegt wunderschön an einer Felskante. Das nächtliche Lagerfeuer und das gute Essen lassen die nächtliche Kälte bei nun bis – 7° Cel. Vergessen.

Tag 7 Die Nacht war kalt, unser Material (Daunenschlafsack und Isomatte) haben uns warm gehalten. Heute geht es zum Chenek-Camp. Einen der eindrucksvollsten Platze der ganzen Tour. Alleine die Anfahrt ist wie im Kino. Wir kommen aus dem Staunen nicht raus und erreichen neue Rekordhöhen von über 3.700 Metern mit dem Mountainbike. Immer wieder rannten riesige Horden von Affen über die Strasse, Wildpferde grasten auf den Hügeln und Einheimische winkten uns von den schroffen, grünen Gipfeln der Berge. Das Chenek-Camp erreichen wir am frühen Nachmittag. Als weiteren Tagespunkt haben wir uns noch einen Gipfel auf die „to do“ Liste geschrieben. Nur geht’s jetzt zu Fuß weiter. Der Klettersteig ist anspruchsvoll aber wir alle sind froh nach so vielen Radkilometern mal eine neue Belastung zu spüren. Die Ebenen sind hier mit fremdartigen Bäumen bewachsen. Schon wieder kommen wir uns vor, wie auf einem fremden Planeten. Der Alltag ist nun gar nicht mehr real. Die Realität findet hier auf über 3.500 Meter statt. Jetzt an etwas Anderes zu denken wäre unmöglich.

Tag 8 Ein fantastischer Sonnenaufgang begrüßt uns am Morgen... die Kälte der Nacht weicht den angenehmen Strahlen der Sonne. Imet Gogo, das ist der Name des Berges, den wir heute zu Fuß erklimmen werden. Heute fällt die 4.000 Meter-Marke ! Das Trekking in dieser sagenhaften Landschaft lässt uns trotz der Reizüberflutung der letzten Tage immer wieder ein „Wahnsinn !!“ in den Himmel brüllen. Der Gipfel des Imet Gogo ist während der gesamten Strecke gut zu erkennen. Die Höhe beeinträchtigt unsere Fitness beachtlich. Die Schritte fallen schwerer. Ständig ziehen wir uns wärmer an, dann wieder aus. Das Wetter ist tückisch, die Sonne wärmt unsere Haut, die Luft ist eigentlich noch kalt und in Kombination mit Windböen friert man schnell aus. Unser Guide führt uns sicher zum Ziel... Einem Gipfel mit unglaublichen Blick in das nördliche Hochland und den steil abfallenden Hängen der Simienflanken. Während wir uns hier abmühen, ist unser restliches Team samt Packesel auf einem kürzeren Pfad Richtung Geech-Camp unterwegs. Dieses Camp liegt ca 2 Stunden Fußmarsch vom Gipfel des Imet Gogo entfernt und soll uns heute Nacht einen perfekten Platz für unsere Zelte bieten.

Wir sind uns einig. Die Nacht am Geech-Camp fasziniert uns alle am meisten. Das Lagerfeuer versucht der Kälte der Nacht zu strotzen. Die Gruppe am Feuer wird immer größer und größer. Peter, Thomas und ich sind die einzigen Weißen. Die Äthiopier sind ein albernes Volk. Immer wieder findet sich jemand der alle wild-gestikulierend mit für uns unverständlichen Witzen unterhält. Lachen müssen wir trotzdem. Der Abend hat etwas beruhigendes, der Zauber Afrikas... da ist er schon wieder. Vor uns stehen die stolzen äthiopischen Männer... Hochlandbauern, Guides, unser Fahrer und zusätzliche Träger.


Die Strapazen und Mühen denen sie tag-täglich ausgesetzt sind, ist ihrer gegerbten Haut, ihren verhornten Fingern und den ausgemergelten Körpern anzusehen. Ihre Lebensfreude strahlt fast so sehr wie das einsame Feuer in der sternenübersäten Nacht auf 3.700 Metern Höhe. Ein Blick in das Gesicht des Anderen reicht aus um zu wissen. Er empfindet in diesem Moment den selben Frieden wie man selbst. Das sind die Momente die all die Strapazen und all die Vorbereitung wieder gut machen. Das ist Abenteuer... wir spüren das Leben.

Tag 9 Schön langsam gewöhnen wir uns an das Schlafen im Zelt. Die Nacht war eiskalt und das Außenzelt ist mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Heute wollen wir nach Gondar... einer Stadt, südlich der Simien-Mountains. Die Zivilisation hat uns dann zurück. Wir freuen uns auf das Hotel, eine heiße Dusche und ein warmes Bett. Vorher müssen wir jedoch einen Eselssteig zur Strasse des Nationalparks bewältigen. Dort wartet dann unser Fahrer mit unserem Bus. Dieser bringt uns über die uns bekannte Piste nach Debark. Von dort aus fahren wir gut 100 Kilometer mit dem Mountainbike nach Gondar. Die Strecke ist abwechslungsreich. Das Landschaftsbild ändert sich schon wieder. Bauern bewirtschaften ihre saftigen Felder, Menschen in kleinen Dörfern winken uns zu, immer wieder entdecken wir nahe zur Straße gewaltige Plätze mit sagenhaften Weitblicken. In Gondar checken wir dann in unserem Hotel ein. Jetzt ist Entspannung angesagt. Wir alle müssen die Eindrücke der letzten Tage „dieses unglaubliche Abenteuer“ verarbeiten.

Tag 10 Lake Tana, ein riesiger See im nördlichen Äthiopien ist das erklärte Ziel dieses sonnig angehenden Tages. In Gondar haben wir erstmals Asphalt unter unseren Reifen. Dieser endet aber in dem Moment, in dem wir aus der Stadt in die Wildnis südlich der Simien-Mountains fahren. Wir sind gespannt auf die uns von Bildern bekannte Landschaft des Lake Tana. In Gogora steht unser Hotel ca. 110 Kilometer entfernt. Unser Fitnesszustand hat sich in der letzten Woche verbessert. Mit guten 30 KMH geht es Richtung Süden. Nichts kann uns stoppen. Unsere Lungen pumpen unermüdlich Sauerstoff in unsere braungebrannten und staubigen Beine. Wir wollen zum See, ein kaltes Bier und einen Sonnenuntergang der Superlative.

4,5 Kilometer vor dem Ziel kommt es zum fatalen Sturz. Peter will eine Kuhherde rechts überholen. Eine Kuh dreht ruckartig und bringt Peter bei mäßigen Tempo zum Fallen. Das sieht nicht schlimm aus... Ein Sturz denke ich mir in diesem Moment... nicht mehr nicht weniger. Doch Peter bleibt liegen und bei genaueren hinsehen wird uns sofort klar, dass beide Arme nicht nur gebrochen, sondern komplett durchgebrochen sind. Ein Unterarmknochen ist zu sehen. Wir pumpen Peter vorsorglich mit Antibiotika voll. Eine Infektion ist nun die größte Gefahr. Ich fahre in das nächste Dorf – es ist Gogora, das Endziel unser eigentliche Trans-Äthiopien. Ab jetzt stünde nur noch Entspannung und Erholung auf dem Programm. Nur ich komme alleine an. Thomas bleibt bei Peter. Nach einer Weile komme ich mit unserem kompletten Expeditionsteam zurück zur Unfallstelle. Peter ist vor Schmerzen ohnmächtig geworden. Besser so... Die Szenen der kommenden zwei Tage sind wie in einem Kriegsfilm....

Am dritten Tag nach dem raschen Ende der Tour haben wir Peter ohne Infektion in Deutschland in ein Krankenhaus zur OP gebracht. Äthiopien war vom ersten bis zum letzten Tag ein echtes Abenteuer und hat uns nicht das letzte Mal gesehen.
